Die Lage der zeitgenössischen Lyrik-Rezeption

Ein Essay des Herausgebers von Lyrik now.

Es gibt sie, die neue, junge Lyrik. Oftmals erreicht sie nicht mal ein allerkleinstes Publikum, sondern lagert ungehört in den Schubladen ihrer vielbeschäftigten VerfasserInnen. „So viel Lyrik war nie“ Schreibt das Jahrbuch der Lyrik und veröffentlicht trotz 66 KG (!) eingesandter Gedichte dennoch überwiegend solche, die von bereits renommierten Lyrikern stammen. Nur zwei Herausgeber entscheiden, wer aufgenommen wird, und wer nicht. Auch Lyrik, die ausgewählt wird, kämpft mit dem Vergessen. Was ist mit den Hunderten, die das subjektive Nadelöhr nicht passieren? Sie haben kaum eine Chance, von mehr als zehn Menschen gelesen, geschweige denn erinnert zu werden.

Ökonomisch betrachtet hat die Lyrik ein logistisches Problem. Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Selten sind die Momente, in denen prinzipiell geneigte Menschen tatsächlich ein nicht, oder noch-nicht kanonisiertes Gedicht lesen wollen. Wie das geeignete Gedicht genau zur richtigen Zeit vor die richtigen Augen und Ohren bringen? Als sperriges Papierbündel griffbereit sein, wenn der Moment da ist. Von Interesse sein, in einer Flut von Reizen, siegeltragend genug.

Gedichte, diese hohe Ausdrucksform menschlichen Empfindens und Denkens als Gegenstand ökonomischer Betrachtung? - Warum nicht. Die Leser überlegen sich, wofür sie ihre Zeit hingeben. Lyrik konkurriert mit anderen Kulturprodukten. Da hat es die Lyrik als anspruchsvolle eben sehr stark "verdichtete" nur-Text-Form schwer genug. Und dann noch die Konkurrenz untereinander. Zeitgenössische Lyrik, eine bedeutende Ausdrucksform unserer Kultur konkurriert viel stärker mit klassischer Lyrik (z.B. Goethe oder Eichendorf) als das etwa bei modernen Filmen mit klassischen Filmen, etwa aus der Stummfilmzeit, oder auch bei modernen Romanen im Verhältnis zu klassischen Romanen der Fall ist.

Dabei, oder besser: Zuspitzend dazu kommt noch dass die Lyrikproduktion im Verhältnis zur Nachfrage ungeheuer groß ist. Einen Film machen oder eine Symphonie komponieren kann nicht jeder. Aber Worte machen – das lässt sich erstmal leichter probieren. Dafür braucht es nichtmal Stift und Papier, nichtmal einen Computer oder ein Handy. Deshalb wird Lyrik als künstlerische Ausdrucksform von vielen über jahre hinweg entwickelt. Und dann ist zu Recht, der Wunsch da, das diese Worte auch gehört werden! Ich bin immer wieder überrascht wie viele meiner Bekannten Gedichte schreiben. Heimlich. Und wie viele Dichterinnen und Dichter versuchen, ihre Gedichte zu veröffentlichen. Denken sie an die 66 kg Lyrik-Einsendungen für das Jahrbuch der Lyrik.

Die Lage für viele Lyriker ist durchaus frustrierend. Lyrik wird kaum gelesen, zumindest dann nicht, wenn sie von noch unbekannten Autoren stammt. Heutzutage ist es daher sehr gut möglich, dass viele hervorragende und wertvolle lyrische Äußerungen von niemandem wahrgenommen werden.

Dem Leser ist nicht zu verübeln, dass er seine Aufmerksamkeit den vielen tausenden, un- (oder rein subjektiv) ausgewählten Gedichten entzieht. Den Verlagen ist nicht zu verübeln, dass sie Lykikbände unbekannter Autoren aufgrund der geringen Absatzerwartungen meiden.

Wie hat zeitgenössische Lyrik eine Chance? Durch die Konzentration auf die allerbesten Gedichte, auf eine Auswahl, die wirklich Repräsentativ ist für die deutschsprachige Lyrikproduktion. Das Wissen, in einer Anthologie die objektiv besten zeitgenössischen Gedichte zu lesen wird sehr viel Aufmerksamkeit generieren und viele interessierte Leser und Käufer finden.

Was sind die besten Gedichte? Nehmen es die Leser wirklich ernst, wenn zwei Menschen für sich beanspruchen diese Auswahl zu treffen. Ja. Zu Recht. Es sind aber Verfahren möglich, die eine viel objektivere Auswahl ermöglichen. Eine Auswahl, die die tatsächlich die besten Texte gefiltert hat. Unabhängig von den stilistischen Vorlieben Einzelner und ohne Ansehen des Autors oder der Autorin. Lyrik now ist ein Versuch, die deutsche Lyriklandschaft zu verändern. Versuchen wir es!